Das Besondere ist die Normalität

Es war ein Experiment. Jetzt ist es Alltag. Bedenken haben sich zerstreut. Die dritte Fußball-Mannschaft von Flensburg 08 hat neue Mitspieler aufgenommen, und man kommt seit Saisonbeginn bestens miteinander aus. Im Training, im Spiel, bei Team-Events abseits des Rasens.  Das wäre  kaum erwähnenswert, denn 08 III spielt in der Kreisklasse B1 nicht gerade im Fokus des öffentlichen Interesses. Aber  doch mitten in der Gesellschaft, denn Hunderttausende Fußballer gehen so in unteren Klassen ihrem liebsten Hobby nach. Das Besondere an Flensburg 08 III ist der Mut, drei Spieler mit geistiger  Behinderung    einzuladen, am Fußball mitten in der Gesellschaft teilzunehmen.

Richard Derra, der Trainer der Mannschaft, war aufgeschlossen für die Idee, hatte sich aber seine Gedanken gemacht: „Ich dachte, dass es   eine große Herausforderung sein würde. Aber  diese Sorge war unberechtigt. Sie sind immer beim Training,   immer fleißig dabei, und es läuft   ohne Probleme.“ Maik, Andreas und  Jan Pascal  kamen schließlich mit Fußballerfahrung. Sie sind Mitglieder der „Kicker Flensburg“, der Spielgemeinschaft von Holländerhof und Mürwiker Werkstätten, die erfolgreich in der SH-Liga für Menschen mit Behinderung spielt.  

Sie  seien „herzlich aufgenommen worden“, hat Derra registriert. Maik, Andreas und  Jan Pascal gehören inzwischen so selbstverständlich zu 08 III wie Marc,  Nils, Patrick oder Julian, der sagt: „Wir haben uns darauf eingelassen und stellen fest, dass es funktioniert. Dass die drei ein  Handicap haben, ist nicht mehr  wichtig.  Es fällt kaum  auf.“ So ist der etwas lästige, weil immer noch erklärungsbedürftige Begriff „Inklusion“ mit Leben erfüllt. Das Kunstwort aus der Soziologie steht für Gemeinsamkeit, Zugehörigkeit. Und bei Flensburg 08 nun auch für Normalität.

Johannes Schlott, der frühere 08-Ligaspieler, den  alle  Hanni rufen, ist glücklich, wenn er „seine“ Jungs in den Traditionsfarben Gelb und Blau sieht. Wie heute im Spiel bei DGF Flensburg, als gerade Jan Pascal stürmt: „Es ist wunderbar, zu sehen, welche Entwicklung diese Spieler hier nehmen“, sagt der 68-Jährige.  Seit fünf Jahren trainiert  Schlott  zusammen mit  Nils Zollmeyer die „Kicker Flensburg“. Schon seit 2010 stehen die Vereine Flensburg 08 und Polizei-SV Flensburg der Werkstättenmannschaft als Kooperationspartner zur Seite.  Für den nächsten Schritt aber, heraus aus dem reinen Behindertensport,   musste Schlott viel Überzeugungsarbeit leisten.  Er wollte Maik, Andreas und  Jan Pascal weiterbringen, „in den normalen Fußball“. Hanni Schlott fand Gehör bei 08 III, einer Mannschaft, die vor allem mit Spaß und Kameradschaft, aber auch mit einer guten  Portion Ehrgeiz bei der Sache ist.

Auch der 08-Vorsitzende Olaf Reischke ist auf den DGF-Platz gekommen, um die Dritte zu sehen. „Ich finde es toll. Hanni lebt Fußball und geht auf in der Aufgabe, diese Spieler in den Verein zu integrieren. Es war ein langer Weg, den er mit Beharrlichkeit gegangen ist.“ Reischke räumt ein, dass er skeptisch war.  Wegen der Grenzen, an die ehrenamtliche Arbeit zwangsläufig stößt. Die rund 50 Kräfte, über die 08 verfügt, sind eigentlich ausgelastet.

Die Arbeit mit behinderten Sportlern erfordert Geduld und Einfühlungsvermögen, weiß Angelika Carstesen: „Menschen mit geistiger Behinderung gehen die Dinge anders an, etwas langsamer. Manches muss man eben mehrfach wiederholen oder auch mal ganz von vorn anfangen“, sagt  die Sportlehrerin vom Holländerhof.  Komplexe Sachverhalte seien schwierig zu vermitteln. „Und die Frustbewältigung fällt manchmal schwer.  Wenn ein Ball verspringt  oder der Schiedsrichter etwas pfeift, was nicht verstanden wird, können sie schon sauer werden“, sagt Angelika Carstesen.

Gleichwohl haben die Behinderten Stärken und Talente. Man muss ihnen etwas zutrauen. Mustafa Fayed zum Beispiel macht gerade seinen Trainerschein und betreut bereits zusammen mit Hanni Schlott die D-III-Jugend von Flensburg 08. Der 23-Jährige, der vor zwölf Jahren mit seiner Familie aus Afghanistan flüchten musste, hat neben der Arbeit in den Werkstätten als Lagerist im Fußball seinen Lebensinhalt gefunden. „Spaß haben, Leute kennen lernen, Freunde finden – das ist für mich Fußball“, sagt Mustafa Fayed, den es schon wieder kribbelt, wenn er seine Kollegen für 08 III spielen sieht. „Ich bekomme richtig Lust, mir einen Ball zu schnappen.“ Er spielt momentan  nicht aktiv, die Kniee schmerzen.   Dafür bringt ihm die Arbeit mit den Elf- bis Zwölfjährigen Freude, „auch wenn sie nicht immer machen, was ich will“. Autorität muss wachsen.  Das bestätigt lächelnd sein Mentor Hanni Schlott, der  auf Jahrzehnte  langes Engagement in der Nachwuchsarbeit  zurückblickt.  

Er ist der „Glücksfall“, wie Angelika Carstesen sagt, für die Fußballer von Holländerhof und Mürwiker Werkstätten. Schlott hatte es  selbst nicht immer leicht: Sein Sportgeschäft brannte ab, einen Schlaganfall und eine Bandscheiben-Operation musste er verkraften. Die Energie, sich für andere zu engagieren, hat er aber nicht verloren. Als 2010 ein Trainer für die „Kicker Flensburg“ gesucht wurde, war Schlott spontan bereit und sowieso vor Ort, weil er mit seiner Frau eine Waffelbäckerei im Holländerhof betrieb. Fußball-Kompetenz hatte er genug, was  behinderte  Sportler an spezieller Zuwendung brauchen, eignete Schlott  sich selbst an.

Kilian Weber freut sich über so viel Einsatz. Der Sportstudent ist beim Schleswig-Holsteinischen Fußballverband (SHFV)  Koordinator für den Behindertenfußball, eine Stelle, die 2012 gemäß  DFB-Vorgabe eingerichtet wurde und durch die Sepp-Herberger-Stiftung finanziert wird. „Bis dahin war recht wenig Bewegung im Behindertenfußball. Inzwischen haben wir Einiges auf die Beine gestellt“, sagt Weber. Das DFB-Mobil besucht die Werkstätten  im Land, es gibt Trainingslager im Uwe-Seeler-Park in Malente, es wächst ein Netzwerk, in dem Trainer Erfahrungen austauschen, wie etwa bei einem Workshop im März, bei dem natürlich auch Angelika Carstesen und Johannes Schlott dabei waren.

Weber wünscht sich mehr Mannschaften  wie Flensburg 08 III. Noch sind sie rar, die BSG Eutin oder der VfR Minerva Kiel geben ähnliche Beispiele für gelungene Inklusion. Wer den Mut findet, selbst ein Experiment zu wagen, findet beim SHFV-Koordinator Rat, nicht nur was den Umgang mit geistiger Behinderung angeht.  „Man staunt, wie viele Facetten  das Thema hat“, sagt Weber. Auch Blinde, Gehörlose oder Menschen mit Cerebralparese, einer Hirnschädigung,  spielen Fußball – wenn man ihnen den Weg bereitet.  

Bericht aus dem Flensburger Tageblatt, Autor: Jan Wrege


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